Stress durch moderne Technik?

 

Haben alleine die technischen Neuerungen dazu geführt, dass die Arbeitswelt stressiger geworden ist? Und sind hierdurch bedingt die psychischen Probleme nachweislich ansteigen? Schließlich bringen die technischen Errungenschaften doch auch enorme Vorteile für unsere Arbeitswelt. Ja – Sicher bringen die technischen Errungenschaften sehr große Vorteile in unsere Arbeitswelt.

Ich möchte auf meinen Computer, das Smartphone usw. nicht mehr verzichten. Das schließt keineswegs aus, dass die Belastung insgesamt gestiegen ist. Der zeitliche und mentale Aufwand, die leistungsstarken „Hilfsmaschinen“ sinnvoll zu nutzen, ist enorm. Ständige Veränderungen von Hard- und Software in einer Welt von Bits und Bytes, die nur wenige wirklich verstehen, ist und bleibt eine enorme Herausforderung.

Die Technik bietet jedoch auch Gefahren. Wo früher Telefon und Post waren, sind heute zusätzlich Mails, Smartphones, soziale Netzwerke, Intranet und Cloud Computing. Alles soll schnell gehen. Informations-Holschuld statt Selbstbestimmung dominieren den Alltag. Natürliche menschliche Eigenschaften, wie Neugierde, Ehrgeiz oder Perfektionsstreben können in Zusammenarbeit mit der modernen Technik schnell zur Überforderung werden. Reizüberflutung kann dabei zur täglichen Arbeitsdroge werden. Jeder kennt das „Flow-Gefühl“, wenn wir an hektischen Tagen wahre Multitasking-Wunder vollbringen. Wir fühlen wir uns erfolgreich, gebraucht und anerkannt. Und tatsächlich genießt diese Art von Aktionismus auf sehr seltsame Weise einen guten Ruf. Gern wird damit angegeben, wie stressig der Beruf ist und wie wir es dennoch heldenhaft gelöst haben. Die moderne Form eines Abenteuers…

Tatsächlich bedeutet jede Form von Multitasking eine Stresssituation für unser Gehirn. Es entspricht dem entscheidenden Moment auf der Jagd, wo wir den Speer werfen. Unser ganzes System arbeitet im Kampfmodus mit hohen Ausschüttungen von Adrenalin und Cortisol. Eine natürliche Reaktion und in einem bestimmten Kontext überlebenswichtig. Passiert diese Situation häufig leidet der Mensch. Die Arbeitsmedizin kann die negativen Auswirkungen einer dauerhaften Überlastung heute genau messen und beschreiben. Zudem ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Multitasking die Fehlerquote erhöht.

Dennoch ist die Technik nicht ursächlich für unsere stressigere Arbeitswelt verantwortlich. Veränderte Rahmenbedingungen im Beruf wie auch bei den persönlichen Lebensmodellen spielen eine wesentliche Rolle. Ein typischer Teilnehmer meiner Seminare arbeitet 50-60 Stunde pro Woche „erfolgreich“ im Management eines Konzern oder mittelständigen Unternehmens. Er fährt einen schicken Dienstwagen und lebt mit Frau und Kindern in einer anspruchsvollen Immobilie. Klingt doch alles sehr gut, oder?

Anders als noch vor vielleicht 30 Jahren kann dieser Manager nicht damit rechnen, dass er einen langfristig sicheren Arbeitsplatz hat und seine Familiensituation über Jahrzehnte planbar ist. Viele Unsicherheitsfaktoren gefährden das Lebensmodell. Die monatlich finanzielle Belastung der modernen Lebensführung macht jedoch unflexibel. Wie reagiert dieser Mensch auf Belastungen? Riskiert er seinen Job, indem er die unrealistischen Forderungen seines Chefs zur Sprache bringt? Traut er seinem gesunden Menschenverstand, auch wenn andere Kollegen sich angepasst verhalten? Eine komplizierte Situation. Die moderne Technik am Arbeitsplatz ist dabei nur ein zusätzlicher Druckfaktor, der vielleicht im beruflichen Alltag besonders wahrgenommen wird, nicht jedoch die eigentliche Ursache.